Pressemitteilung vom 12.09.2013
Muss sich die Landwirtschaft verändern?

Dr. Christoph Sudfeldt, der Geschäftsführer des Dachverbandes der Deutschen Avifaunisten e.V. (Vogelkundler) und Norwich Rüße, der agrar - und naturschutzpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von NRW, hielten am vergangenen Mittwoch Vorträge im Mehrgenerationenhaus der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Sassendorf, zu denen der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen eingeladen hatte. 

Mehr als 30 Interessierte, auch aus Naturschutz und Landwirtschaft, informierten sich an diesem Abend über die Schwierigkeiten, Naturschutz und Landwirtschaft so zu verbinden, dass der Artenschwund in der Feldlandschaft aufgehalten werden kann. Dieses Ziel sollte schon im Jahr 2010 erreicht sein, aber man ist, trotz verschiedenster Anstrengungen, auch heute noch sehr weit davon entfernt. 

Herr Dr. Sudtfeldt machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Feldvögel sehr stark in ihrem Bestand zurückgegangen sind. So sind beispielsweise beim Rebhuhn europaweit nur ca. 6% des Bestandes von vor 30 Jahren zurzeit noch vorhanden. Bei anderen Arten sehe es nicht ganz so katastrophal aus und es sei auch regional durchaus unterschiedlich. Bundesweit ist ein klarer Trend zu erkennen, die Feldvögel gehen dramatisch zurück. Das ist nicht nur ein persönlicher Eindruck, sondern es lässt sich ganz klar mit Daten belegen. Ursachen seien, so Dr. Sudfeldt unter anderem die veränderten Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft, andere Fruchtfolgen und andere Bearbeitungstechniken zur Ertragssteigerung. Aber auch der Einsatz von Agrarchemie sei von Bedeutung, so gebe es einfach nicht genug Insekten als Futter für die Vögel. Ebenso negativ wirkt sich der Verlust von Brachflächen (von ca.10 auf 2 %) und der Verlust des Dauergrünlandes auf den Bestand der Feldvögel aus. Negativ wirkt sich auch der Anbau von Mais auf den Bestand der Vögel, so Dr. Sudfeldt, der das alles mit einer Vielzahl an Diagrammen darstellte. Auch im Vortrag von Norwich Rüße, kam der Maisanbau zur Sprache. So sei noch vor wenigen Jahren (vor dem Biogasanlagenboom) in den einschlägigen Fachzeitschriften keine nennenswerten Empfehlungen zum Maisanbau gegeben worden. Heute gibt es detailreiche Vorschläge mit verschiedensten Arbeitsschritten, die, wenn man sie befolgt, dazu führen, das deutlich mehr Störungen die Bestände der Vögel beeinträchtigen. Heute sei auch praktisch kein Bewuchs mehr unter den Maispflanzen und damit auch kaum Nahrung vorhanden. Ebenso fehle es in der Landschaft an Versteckmöglichkeiten. Beide Referenten hatten Empfehlungen, wie die Situation verbessert werden könne. 

Eine zunehmende Spezialisierung ganzer Regionen sei in NRW zu beobachten, so Rüße, es konzentriere sich ein großer Teil der Fleischproduktion in wenigen Landkreisen. Das bringe immer größere Probleme mit dem Ausbringen der Gülle (Grund- Trinkwasser) und dazu konzentriere sich zudem noch in den gleichen Bereichen die Biogasproduktion mit dem entsprechenden Aufkommen von Gärresten. All das müsse auf eine immer kleiner werdende Fläche verbracht werden, da der Verlust von Ackerland durch diverse Bautätigkeiten (Gewerbe- Industrie- und Wohnungsbau, Strassen, Fahrradwege etc.) nicht nachgelassen habe. 

Durch die anschließende, sachliche Diskussion, führte Karl Rusche, als Sprecher des Ortsverbandes der Bündnisgrünen in Bad Sassendorfs. Dabei wurde deutlich, dass von Seiten der Politik klar ist, das auch in Zukunft die Landwirte eine gesicherte Existenz haben müssen. Ebenso wurde deutlich, dass mit der jetzigen Praxis der landwirtschaftlichen Produktion und dem Handeln der Behörden, das Ziel, die Artenvielfalt zu erhalten, nicht erreicht werden kann. Wenn die heutige Praxis der landwirtschaftlichen Produktion, den mehrheitlich gesellschaftlich anerkannten Zielen zuwiderläuft, muss sich daran etwas ändern. Denn das Artensterben betrifft nicht nur die heutige Generation, sondern auch alle folgenden und ist nicht umkehrbar. So wird sich die gute fachliche Praxis der Landwirtschaft unter Berücksichtigung dieser Belange wohl verändern müssen, wenn sie gesellschaftlich anerkannt sein will und damit die erheblichen finanziellen Zuwendungen rechtfertigt sein sollen.